Xavier Dolan über seinen Film
Nachdem ich unbeabsichtigt eine Trilogie über das Thema der unmöglichen Liebe geschaffen hatte (I KILLED MY MOTHER, HERZENSBRECHER und LAURENCE ANYWAYS), war ein Richtungswechsel fällig. Mehrere Möglichkeiten boten sich an. Ich öffnete meine Schublade voller Notizzettel und Servietten, vollgekritzelt mit Ideen, Dialogen, und zwei oder drei Anreißern, wie man sie in Fernsehzeitschriften findet. Es gab einen politischen Thriller und meinen ersten englischsprachigen Film, THE DEATH AND LIFE OF JOHN F DONOVAN; aber ich wollte etwas schreiben, das ich sofort machen konnte. Ich brauchte etwas Blitzschnelles, für einen ebenso schnellen Dreh.
Dann erinnerte ich mich an das Stück TOM AT THE FARM. Es war im Winter 2011, und die Produktionsvorbereitung für LAURENCE ANYWAYS hatte begonnen. In dieser Nacht hielt Lise Roy - die später auch im Film die Rolle spielen sollte - den Monolog einer Mutter, die lang gelitten hat, vom Begräbnis ihres Sohns heimkehrt und bei der Zubereitung eines Nudelsalats zusammenbricht, für den sie berühmt ist. Sie wirft den ganzen Salat in den Müll - keiner hat einen Bissen genommen - und lässt ihrem Ekel über das Rezept und all die Leute um sie herum freien Lauf, die sie all die Jahre zwangen, ihn zu machen. Der Nudelmonolog blieb immer beim Thema, also dem Essen, aber er deutete die tiefe Trauer einer Frau an, die nie etwas anderes als den Hof gekannt hat und die flüchtigen Umarmungen ihres verstorbenen Mannes und ihrer Söhne, das Melken der Kühe, und die leere Resignation, wenn man die Schotterstraße hinabsieht und begreift, dass sie nie jemand verdunkeln wird. Ironischerweise schaffte es genau dieser Augenblick nicht in den Film, vielleicht weil er zu theatralisch war.
Doch diese Abzweigung ins mütterliche Unglück hatte zu nah bei mir eingeschlagen, als dass ich diesen Weg nicht weiterverfolgt hätte. Der Autor des Stücks, Michel Marc Bouchard, ist sehr gut darin, sowohl den Standpunkt des Gastes wie der Gastgeber auszudrücken, und er vermeidet festgefahrene Stadt-vs-Land-Klischees. Die Brutalität des Verhältnisses zwischen den beiden männlichen Hauptdarstellern, elegant und ästhetisch auf der Bühne, versprach bereits eine Rauheit und Gewalttätigkeit, die ich filmisch ausdrücken wollte und mit der ich das vertraute Terrain hinter mir lassen würde. Ich fühlte, dass diese Empfindung von Angst, Beklemmung und Fremdheit für die große Leinwand gemacht waren, und vor allem, dass das Neue daran genau das war, was ich zu finden hoffte.
Nach der Vorführung, im Dunst verdienter Zigaretten, 
fragte ich Michel Marc, wer das Stück verfilmen würde. 
Er sagte: „Niemand, warum? Denkst du an jemand Bestimmten?” 
„Ja, mich”, antwortete ich mit der ganzen Bescheidenheit von Nero in BRITANNICUS. 
Aber im Ernst, so war das im Großen und Ganzen ...